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Einführungspredigt

von Superintendent Johannes Staak
am 31.1.10 in Demmin
über Matthäus 20,1-16a


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
- AMEN-

 
Nordkurier 2.2.2010

  Zeitungsbericht


Einfuhrunspredigt
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Liebe Gemeinde!
Kaum ein Bibelwort ist so tief in unseren Sprachgebrauch eingedrungen, wie dieses Wort Jesu am Ende des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg: So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten werden die Letzten sein. Meistens wird nur der erste Teil – die Letzten werden die Ersten sein – zitiert, ohne dass noch gewusst wird, woher dieses Wort stammt. Es begegnet uns beim Anstehen und beim Schulsport, beim Blick auf die Statistiken im Einkommen oder bei der Arbeitslosigkeit. Menschen, die sich als Letzte fühlen, finden in diesem zum Sprichwort gewordenen Bibelvers, Hoffnung. Es ist eine Hoffnung, die mehr ist als Galgenhumor, eine Hoffnung auf eine Veränderung zum Guten.
Das Gleichnis berichtet von einem Arbeitsmarkt, der unserem nicht gerade unähnlich ist. Einige haben Arbeit und andere warten darauf, endlich gebraucht zu werden. Die einen haben einen festen Vertrag, andere sind Leiharbeiter, andere hangeln sich von einer ABM zur nächsten, andere wiederum leben von Sozialhilfe mit oder ohne einem 1 Euro-Job. Große Unterschiede im Einkommen kennzeichnen unsere Zeit. „Arbeit für alle“ ist genauso wie „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ eine Gerechtigkeitsvision, die keine Wirklichkeit findet. Ja, den Empfängern von Sozialleistungen wird oft der Vorwurf gemacht, auf Kosten anderer zu leben. Sicher gibt es das, allerdings nicht nur unter den Armen, sondern auf allen Ebenen. Ich aber kenne viel mehr Menschen, die würden ihr Schicksal der Arbeitslosigkeit oder des schlecht bezahlten Jobs sofort eintauschen, um sich aus ihrer Situation zu befreien.
In diese uns so vertraute Situation stellt Jesus nun eine Geschichte vom gleichen Lohn für ganz unterschiedliche Arbeit, die die Leistungsträger als einen Skandal und die Beschenkten als große Gnade empfinden müssen.
Als wir bei einem Bibelabend über dieses Gleichnis sprachen, sagte einer: So funktioniert das doch nicht, da könnten wir ja gleich zumachen. Alle würden nur noch eine Stunde arbeiten. Leistung muß sich lohnen, die Menschen brauchen einen Anreiz, und der entsteht nur durch den Unterschied.
Das Arbeit um des Lohnes willen geschieht, ist klar. Ob der Lohn sich allerdings immer in Geld ausdrücken muß, ist eine andere Frage.
„Unseren Kindern soll es einmal besser gehen“ war z.B. ein Satz, der viele Menschen einer ganzen Generation angetrieben hat, um sich aus dem Elend herauszuarbeiten. Als nach dem Ende des 2.Weltkriegs viele Städte in Schutt und Asche lagen – wir haben die Wunden des Krieges hier in Demmin ja immer noch vor Augen- und die vielen Flüchtlinge ein ganz anderes demografisches Problem mitbrachten und die meisten Orte sich innerhalb weniger Tage und Wochen in ihrer Bevölkerungszahl verdoppelten und verdreifachten, da waren gerade die Vertriebenen die Letzten von allen. Sie hatten ihr Hab und Gut verloren und oftmals auch die Menschen, die zu ihnen gehörten. Eigentlich hätte sie Verzweiflung darüber packen müssen, dass das Leben so hart sein kann und ungerecht ist. Und doch war es ein Anfang. Sie schauten auf ihre Kinder. Sie sahen, dass der furchtbare Krieg zu Ende war. Auch wenn sie nun die Letzten waren, so glaubten sie doch an eine Veränderung.

An die Möglichkeit, dass sich ihre Lage ändern lässt. Zwei Schlüssel halfen eine Tür für die Zukunft zu finden: Arbeit und Verzicht. Alles sollte für die Kinder eingesetzt werden. Sie waren die Zukunft. Es ist beeindruckend, wie die heute zu Groß- und Urgroßeltern Gewordenen nach diesem Prinzip ihre Enkel und Urenkel in dieser Wohlstandszeit mit den Fürchten ihrer lebenslangen Arbeit mitversorgen.
Durch Arbeit das Leben zu verändern, war auch der Leitgedanke einer Glaubensbewegung, die unser pommersches Land nachhaltig geprägt hat. Schon als Kind bin ich immer an der Klosterruine in Eldena vorbeigefahren und habe diese gewaltigen Reste gesehen. Welche Kraft ist einmal von diesem Orden ausgegangen, der maßgeblich zur Entwicklung in diesem erst spät erschlossenen Land beigetragen hat. Kirchen, die durch die Zisterzienser gebaut wurden, dienen noch heute den Gemeinden. Auch wenn das Kloster wie eine Saatkartoffel, die ja alle Kraft an die neue Ernte abgibt und ausgelaugt im Boden bleibt, nun da steht, so sind doch die Früchte ihrer Arbeit bis heute zu erkennen. Auch in unserer Kirche gilt deshalb, dass es möglich ist, etwas durch diese Hingabe zum Guten zu verändern.
Der Herr des Weinbergs braucht dazu Arbeiter. Er ist dabei nicht wählerisch, denn die Arbeit muß getan werden. Ich glaube, dass wir auf Zeiten zugehen, in denen wir froh sein werden, wenn überhaupt Arbeiter da sind, in der Kirche und auch außerhalb. Dass wir verschüttete Quellen entdecken müssen, dass Menschen mit einem guten Herzen und Einsatzbereitschaft auch noch in der Mitte des Lebens in den Dienst treten können. Dass wir neue Wege in der Ausbildung gehen müssen, die vielleicht manchmal die abgeschafften sein werden. Dass wir gerade auch Menschen im Alter mit ihrer Erfahrung brauchen, um die ganze Arbeit zu tun. Die Kirche als Weinberg Gottes lebt von der Arbeit mit und an seinem Wort und es gibt keine Maschinen, die wie in der Landwirtschaft solche Arbeit übernehmen könnten, sondern es werden Menschen gebraucht.
Und dennoch geht die Rechnung nicht auf, wenn man glaubt, nur mit Arbeit und Verzicht das Ruder herumreißen zu können. Auch die Zisterzienser wussten das. Sie wussten: All unser Tun ruht auf einer Grundlage, auf einem unvergleichlichen Geschenk. Um dass nicht zu vergessen, haben sie ihren Tagesablauf durch das Gebet geprägt. Der Spruch Ora et labora (Bete und arbeite!) war ihr Leitwort. Nur die Kraft des Gebetes hat sie befähigt, diese außergewöhnlichen Leistungen zu vollbringen.
Das bedeutet letztlich, dass all dem, was ich tue, das Tun Gottes vorangeht. Verliere ich das aus dem Blick, ja verneine ich das für mein Leben, lande ich dort, wo die Ersten im Gleichnis stehen bleiben. So sehr das Wort von den Letzten, die Erste werden, die Hoffnung der Verlierer ist, so sehr ist es für die Erfolgreichen eine Bedrohung in ihrer Gesetzlichkeit, die besagt, dass nicht mein versprochener Lohn mich glücklich macht, sondern der Unterschied zu den anderen, die ich hinter mir lasse. Und so pflanzt sich bei dem, der sein Leben nicht als Geschenk ansehen kann, etwas ins Herz, das wie Unkraut ist: nämlich der Neid.
Die Gesetze des Lebens, egal ob in der Wirtschaft, in der Natur, in der menschlichen Gesellschaft sehen eines nicht vor, nämlich die Güte. - Vor einigen Tagen habe ich von dem Schicksal eines Mannes erfahren, der mehrere Jahre zu DDR-Zeiten aus politischen Gründen im Gefängnis saß. Er hatte daraufhin nach der Wende eine Opferrente bekommen. Die aber wurde ihm nun gestrichen, weil man in Stasi-Unterlagen entdeckt hatte, dass er für die Stasi im Gefängnis andere Gefangene bespitzelt hatte. Das ist nur gerecht, würde man sagen. Er war ja vom Opfer zum Täter geworden. In Wirklichkeit aber war er in seiner Gefängniszeit mit fiesen Methoden erpresst worden. Er sagte nun selber: “Ich bereue das zutiefst. Ich fühle mich so elend bei dem Gedanken, dass ich so etwas gemacht habe.“ Leider ist so ein Wort der Buße sehr selten und es geht fast nie denen, die für ein solches Schicksal verantwortlich und die heute oft mit hohen Renten versorgt sind, über die Lippen. „Ich hatte solche Angst um mein Leben, da habe ich es gemacht.“, so sagte er am Ende.

Das Gesetz sagt nun, IMs bekommen keine Rente. So soll er nun nichts mehr bekommen und muß sogar alles, was er bisher bekam, zurückzahlen. Ist das gerecht?
Als der ehemalige Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der EKD Otto Dibelius, der heute vor 43 Jahren gestorben ist, kurz vor seinem Dienstende gefragt wurde, was er sich von seiner Kirche wünsche, da antwortete er: Macht weniger Gesetze. Er, der als Bischof für die Ordnung in der Kirche stand und darum wusste, wie nötig Gesetze für eine solch große Institution sind, hatte doch ein feines Gespür dafür, was die Menschen von der Kirche erwarten, wenn sie zu ihr kommen: Nicht den Verweis auf Verordnungen, sondern Zuwendung und Güte. Sie erwarten, dass das Evangelium aufleuchtet, in dem wir darauf vertrauen, dass durch Jesus diese Welt einen anderen Ausgang nimmt als es gesetzmäßig wäre, denn dann müßte diese Welt an ihrer Ungerechtigkeit und Erbarmungslosigkeit zugrunde gehen. Dass es eine höhere Gerechtigkeit gibt, die letztendlich auch über unser unvollkommenes Tun entscheidet. Diese Gerechtigkeit heißt Barmherzigkeit. Es ist die Güte Gottes, von der wir jeden Tag neu leben dürfen.
Die Menschen erwarten zu recht, dass dieses Evangelium lesbar wird an und in der Kirche. Dass sie Zeugnis gibt von einer Zukunft, die ganz offensichtlich bei den Letzten nach weltlicher Berechnung beginnt. Bei denen, die nicht mithalten können, denen das Lebensrecht eingeschränkt oder abgesprochen wird. Deshalb ist es so wichtig, dass wir in den Gemeinden auch diakonisch arbeiten, dass die Kirche ein Herz hat für die Armen und Leidenden. Dass wir das nicht auslagern, sondern es als unsere Aufgabe begreifen.
Eine Kirche der Güte zu sein, bedeutet auch, die kleinen Gemeinden und die kleinen Zahlen in der Arbeit mit Kindern, Konfirmanden und Jugendlichen, Familien, Alten, in den Chören und Gottesdiensten unter der Verheißung des Evangeliums zu sehen. Also barmherzig miteinander umzugehen, wohl wissend das die Kirche keine Eventagentur, sondern eine Gebets- und Glaubensgemeinschaft ist, die sich mal größer und mal kleiner gestaltet.
Die Letzten in den Blick zu bekommen, ist darum auch eine missionarische Aufgabe. Anders als vor gut 60 Jahren wird unser Land immer leerer. Dennoch leben so viele Menschen hier, die Kirche und Glauben nicht kennen oder sogar ablehnen. Sie nicht aufzugeben, nach Formen zu fragen, die ihnen vielleicht helfen zu kommen, sie immer wieder einzuladen, ist auch Ausdruck der Liebe, die keinen aufgibt. Wenn unsere Kirche ein Jahr zur Taufe ausgerufen hat, dann ist genau das gemeint, dass wir hingehen und neu einladen.
Unseren Kindern soll es einmal besser gehen- das ist ein Satz, der an Zukunft glaubt und der frei macht zum Schenken. Gerade in der großen Glaubensarmut gilt dies. Die Kinder, aber auch alle anderen sollen etwas wissen von der Kraft der Hoffnung, die uns durch Jesus geschenkt wird. Er war der Ärmste und Letzte von allen geworden und doch hat Gott ihn erwählt als den, der alle Zukunft in der Hand hält und sie austeilt an alle, die kommen. Aus seiner Hand empfangen wir alle den gleichen Lohn, nämlich das Leben für immer. Und das ist wirklich ein großer Unterschied und eine neue Welt.
-Amen-