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Nordkurier - Treptower Tageblatt
Artikel vom
09.02.2006
„Lernen, Gewinner zu produzieren“
Demmin/Loitz. Der neue Superintendent des Kirchenkreises Demmin
heißt Bernd-Ulrich Gienke. Eine Sondersynode wählte ihn mit 33 gegen
32 Stimmen. Über die Wahl und seine Vorstellungen für die Zukunft
sprach Georg Wagner mit dem Loitzer Pfarrer.
Gleich nach der Wahl nahmen Sie Ihr Redemanuskript für das
Schlusswort und sagten, Sie hätten nicht erwartet, diese Rede halten
zu müssen. Wenn Sie demnach gar nicht damit gerechnet hatten gewählt
zu werden, warum haben Sie sich dann beworben?
Wir sahen das Problem, dass eine Amtszeit von knapp vier Jahren für
jemanden, der von außen kommt, eine sehr kurze Zeit sein wird um
sich einzuarbeiten und die Interessen des Kirchenkreises sofort zu
vertreten. Das war der Beweggrund für den Nominierungsausschuss,
einen Kandidaten auch aus den eigenen Reihen aufzustellen und
schließlich spitzte sich alles auf mich zu. Dass einer aus den
eigenen Reihen gewählt wird, ist an sich unüblich. Er steht bereits
in Beziehungen zu den anderen, was die Amtsausübung schwierig machen
könnte. Deshalb werden Leitungspositionen wenn möglich von außen
besetzt, so dass ich nicht mit meiner Wahl gerechnet habe.
Andererseits wollte ich auch nicht unvorbereitet dastehen und hatte
deshalb die Rede vorbereitet.
In der Aussprache wurden einige Bedenken gegen Ihre Person deutlich,
das Wahlergebnis hat das anscheinend bestätigt. Worauf führen Sie
diese Bedenken zurück?
Ich sehe das Ergebnis nicht als Kritik an mir, sondern als Ausdruck
zweier Standpunkte. Die eine Seite wollte den „Fremdbewerber“ und
fand diese Lösung sympathisch, die andere wollte das Amt aus den
eigenen Reihen besetzen. Von daher musste es knapp ausgehen. Ich
sehe das aber als positiv. Wenn nur ganz wenige gegen mich gestimmt
hätten, dann würden die sich jetzt ausgegrenzt fühlen. Zwei große
Blöcke sind leichter zu integrieren.
Eine interessante Sichtweise…
Wir sehen das ja gegenwärtig auch an der großen Koalition.
Ein knappes Wahlergebnis, einiges an Kritik: Wie schwierig wird das
Amt des Superintendenten?
Ganz schwere Trauerprozesse wird es dort geben, wo in der großen
Fläche die Zahl der Menschen so gering geworden ist, dass
kirchliches Arbeiten Umstrukturierungen erforderlich macht. Wir
müssen versuchen, dass es keine Verlierer gibt und bei diesem
Prozess alle Gewinner sind. Dafür haben wir auf breitem Konsens
einen Plan entwickelt, wie es bis 2010 aussehen soll. Mit der
Reduktion von Pfarrstellen sind wir im Kirchenkreis Demmin schon
sehr weit, so dass wir alles in Ruhe angehen können.
Wir haben die Lage sehr genau angesehen und einen Schlüssel
festgelegt: Auf 3000 Menschen, davon 1000 Gemeindeglieder, soll eine
Pfarrstelle kommen.
Wie viele Kirchgemeinden im Bereich Demmin erfüllen diese
Voraussetzungen nicht?
In unserem Bereich sind es vier Stellen.
Weshalb wurde dieser Schlüssel aufgestellt?
Wir brauchen Leute, die spezielle Dienste erfüllen – die
Zusammenarbeit mit Schulen, die Schulsozialarbeit, Kinder- und
Jugendarbeit, der Umgang mit Senioren und solche Dinge. Das kann
nicht alles beim Pfarrer oder der Pfarrerin zusammenlaufen. Ich
denke, dass größere Gemeinden auch in der Lage sind, solche
Anstellungen zu finanzieren. Wir machen das schon da, wo Luft ist.
Ich möchte, dass wir miteinander die Dinge stärker vorantreiben. Wie
gesagt, wir müssen lernen, Gewinner zu produzieren. Es soll auch
niemand entlassen werden.
Sie bezeichneten sich selbst als „Mecklenburger von Geburt und
Pommer aus Passion“. Hinsichtlich einer Reform der politischen
Kreise haben Sie diese Passion bereits sehr deutlich gemacht. Wie
aber stehen Sie zu der angestrebten Fusion der Pommerschen und
Mecklenburgischen Landeskirche?
Bis wir dorthin kommen, sind noch sehr viele Hausaufgaben zu machen.
Wir haben unterschiedliche Verfassungsgeschichten. In der
Pommerschen Kirche sind die Gemeinden sehr stark, während in
Mecklenburg die Kirche noch vom Großherzog her stark zentralisiert
ist. Das ist für die Zukunft nicht gut. Unsere Kirche braucht die
Begeisterung der Menschen und diese Dynamik bekommen wir nur an der
Basis. Deshalb ist noch viel zu tun. Wenn wir dabei nicht gewinnen,
macht es keinen Sinn.
Sie würden einen Zusammenschluss aber nicht ablehnen?
Nein, weshalb denn? In manchem Punkt wäre es einfacher, zum Beispiel
um mit dem Land zu verhandeln, wenn es nötig ist. Das ist keine
ideologische Geschichte, sondern eine pragmatische. Das Wichtigste
ist, dass die Gemeinden nicht den Kürzeren ziehen.
In der Pommerschen Evangelischen Kirche müsse der Kirchenkreis
Demmin wieder mehr an Einfluss gewinnen, so sagten Sie bei der
Synode. Welche Versäumnisse hat es da in der Vergangenheit gegeben?
Ich habe nur wiedergegeben, was Landessynodale uns gegenüber
signalisiert haben. Dass sie in eine Minderheitenposition abgedrängt
und nicht mehr ernst genommen wurden. Wenn sie sich als Demminer
äußern, werden sie belächelt. Das steht einer Kirche nicht gut an.
Viel Frustration von Bruder Höflich hing damit zusammen.
Wie ist es dazu gekommen?
Andere Kirchenkreise kamen mit der Selbstverwaltung nicht so zurecht
und machten Defizite. Wir kamen zurecht, wir machten keine Defizite,
die Finanzen waren kein Problem. Wir haben ein Kreisdiakonisches
Werk, das funktioniert, das Kloster in Verchen, das
Konfirmandenprojekt am Landschulheim Sassen, das funktioniert, ein
Verwaltungsamt, das effizient war. Es gab viele Projekte und
Aktivitäten, die immer in Zusammenarbeit der Kirchgemeinden
funktioniert haben. Leider ist es dann so gewesen, dass wir von den
anderen belächelt wurden nach dem Motto: Ihr Demminer habt ja gut
reden.
Ihre Äußerung in der Synode beinhaltete demnach keine Kritik an
Ihrem Vorgänger?
Wir haben keinen Grund, Bruder Höflich Mängel nachzusagen. Wir haben
alle Kraft daran gesetzt, gemeinsam mit ihm die Dinge erfolgreich zu
gestalten und es wäre mein Wunsch, dass es jetzt so weitergeht. Wir
sind mit unseren Gebäuden auf einem Stand, von dem wir vor 15 Jahren
nur träumen konnten. Die großen Kirchen sind saniert, die meisten
Pfarrhäuser, wir haben keinen Renovierungsstau mehr. Jetzt können
wir uns auf das Wesentliche konzentrieren – die Verkündigung.
Was auch vom Superintendenten verlangt wird. Bischof Abromeit nannte
als wichtigste Aufgabe die geistige Führung. Was ist hier von Ihnen
zu erwarten?
Alle Menschen sollen einen Zugang zu unserer Kirche bekommen und
erkennen, dass unsere offene Kirche eine Chance für sie bietet auf
Heilung, auf Orientierung. Das dürfen wir mit beiden Händen anpacken
und alles andere kann nicht mehr das Wichtigste sein. Wir haben
junge Pfarrerinnen und Pfarrer, viele Menschen, junge Menschen, die
ansprechbar sind. Es gibt ein großes Feld, das bestellt werden darf,
und das ist nun wichtig. Wir sollten jetzt auf die Menschen zugehen.
Wichtig ist aber auch die Seelsorge für die Seelsorger. Nicht
umsonst sagt man, der Schuster hat die schlechtesten Schuhe.
Freuen Sie sich auf das neue Amt?
Ganz besonders in Loitz aber auch außerhalb haben mich viele
Menschen ermutigt. Die Loitzer haben auch bemerkt, dass ich Pfarrer
und im Predigtdienst hier bleibe. Das erinnert viele Loitzer an die
Zeiten bis 1974, als hier ein Superintendent war. Auf die Zeit in
dem Amt freue ich mich und ich hoffe, dass ich Gottes Segen dafür
haben werde.
© Nordkurier.de am
09.02.2006 |
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