Mit dieser
Überschrift ist schon eine Aussage getroffen: Die Glasmalereien
von St. Petri zu Altentreptow sind kontextuale Kunstwerke, die
sich einem größeren Sinnzusammenhang unterordnen.
Dieser größere
Sinnzusammenhang ist der Innenraum der Kirche mit den
Prinzipalstücken Kanzel, Altar mit Taufe und Orgelempore mit der
Orgel sowie – nicht zu vergessen und heute besonders schön
sichtbar – mit der hier im Kirchenraum versammelten Gemeinde,
die Gottes Wort hört und dessen in Form der Sakramente
teilhaftig wird.
Auch ohne seine
Glasmalereien wäre der Innenraum von St. Petri ein vollwertiger
Kirchenraum im protestantischen Sinne, nicht aber ohne Altar,
Kanzel, Orgelchor und Gemeinde.
Worin liegt
die Bedeutung der Glasmalereien?
Sind sie nur
Illustration oder farbenfrohe Dekoration dieses Raumes?
Sie so zu sehen,
würde dem tieferen Sinn Stülerscher Kirchenräume nicht gerecht
werden.
Denn: Mit den
Glasmalereien geschieht ein ganz wichtiger gedanklicher
Rückgriff in die Geschichte des Glaubens, bei dem es letztlich
um die verbürgte Wahrheit des Glaubens – seine Wurzeln, sein
Gebunden–Sein an die göttlichen Taten und Offenbarungen, sein
biblisch–theologisches Fundament geht.
Vergewisserung aus
der Geschichte des Glauben als Geschichte des Handels Gottes am
Menschen – man bezeichnet diese rückblickende Selbstbesinnung
des Glaubens auch mit dem Begriff der „Heilsgeschichte“, die mit
der Erschaffung der Welt und des Menschengeschlechts anhebt und
bis hierher und bis heute, nach Altentreptow – in diesen
Gottesdienst – reicht.
Die Glasmalereien
von St. Petri – und darin liegt ihre Bedeutung – bilden
ausschnittsweise die Heilsgeschichte des Glaubens und des
Vertrauens auf Gottes Führung als einen räumlich–zeitlichen
Verlauf für die hiesige Gemeinde ab.
Allerdings setzt
diese Form der heilsgeschichtlichen Betrachtung hier nicht bei
der Erschaffung der Welt ein, sondern bei Mose und bei den
beiden alttestamentlichen Königen David und Salomo.
Diesen drei
Vorläufern des Glaubens ist das erste Fenster des hiesigen
Zyklus gewidmet, das Fenster Nord 6, das derzeit ausgebaut ist.
Moses mit den
Gesetzestafeln in der Mittelbahn dieses Fenster steht für das
Gesetz Gottes, die zehn Gebote. Mit David und Salomo (Abraham?)
werden zwei (königliche) Vorfahren Christi gezeigt.
Das zweite Fenster
Nord 5 (ebenfalls ausgebaut) zeigt wiederum in ganzer Figur die
Propheten Ezechiel, Jeremia und Jesaja. Das Fenster gibt damit
einen ersten Ausblick auf das sich anbahnende Christusereignis
am Ende des Alten Bundes.
Das Thema der
Prophetie bestimmt auch den Inhalt des dritten, derzeit
ebenfalls demontierten und deponierten Fensters Nord 4 mit den
alttestamentlichen Propheten Micha und Daniel sowie Johannes dem
Täufer, der Jesus als Messias erkannte und ihn im Jordan taufte.
Damit ist die
Vorgeschichte des Christusereignisses in groben Zügen
abgeschlossen und wir müssen einen gedanklichen Sprung machen,
zum dem neu wiederhergestellten Chorscheitelfenster Ost I, mit
dem es mitten hinein in die irdische Wirksamkeit Jesu geht.
Gezeigt wird ein
Ereignis zwischen Jesus und Petrus, das gleichsam den
Gründungsakt der Kirche Jesu Christi darstellt, die sogenannte
Schlüsselübergabe an Petrus, auch Gesetzesübergabe – traditio
legis – genannt.
Jesus bestimmt
Petrus zu seinem irdischen Nachfolger, wodurch beispielsweise
die Legitimität des Petrus als dem ersten Bischof von Rom
begründet wurde. Unter dem Petersdom in Rom sollen ja
bekanntlich seine Gebeine ruhen.
Die Bibelstelle,
auf die sich das im hiesigen Ostfenster dargestellte Ereignis
bezieht, ist Matthäus 16, Vers 18 f., wo es heißt: „Du bist
Petrus, auf diesem Felsen will ich meine Gemeinde bauen. Ich
will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben: Alles, was du
auf Erden binden wirst, das soll auch im Himmel gebunden sein,
und alles, was du auf Eden lösen wirst, soll auch im Himmel
gelöst sein.“
Der Gedanke, die
Ostfenster von Kirchen für die bildliche Darstellung der
Namenspatrone der jeweiligen Kirche zu nutzen, stammt von Karl
Friedrich Schinkel, dem Lehrer Stülers. Diesen Gedanken greift
Stüler hier auf und so wundert es nicht, dass sich eine analoge
Fensterstruktur wie hier in Altentreptow auch in Demmin, der
dortigen Kirche St. Bartholomaei wiederfindet; ein großes
Ostfenster, das ebenfalls dem Namenspatron der Kirche gewidmet
ist.
Die
Schlüsselübergabe an Petrus – hier zu sehen – war eine Zäsur
innerhalb der Heilsgeschichte. Genau diese Zäsur bildet das
Ostfenster sehr präzise ab, ja, es inszeniert diese regelrecht
wie auf einer großen Bühne:
Es zieht gleichsam
einen Strich innerhalb der Heilsgeschichte.
Unten das
architektonische Fundament – versinnbildlicht durch aufstrebende
Architekturen in Kombination mit Rosetten – die für die
Heilsgeschichte bis dahin stehen können – Schnitt – Übergabe der
Amtsgeschäfte an Petrus und damit sichtbar als die Kirche Jesu
Christi – im Fenster als eine kleine Kathedrale dargestellt –
unter dem Rundmedaillon des Auferstandenen und der Taube des
Heiligen Geistes im Scheitelpunkt des Fensters.
Stifter des
Ostfensters war der preußische König Wilhelm I. – der Bruder
Friedrich Wilhelm IV. und spätere deutsche Kaiser – und seine
Gemahlin Augusta von Sachsen–Weimar–Eisenach. Das Ehewappen des
Königspaares ziert den unteren Bereich des Fensters.
Der Entwurf für
die architektonische Rahmung stammt wahrscheinlich noch von
Stülers Hand; die Entwürfe für die Figurengruppe zeichnete der
Historienmaler Alexander Teschner.
Ausgeführt wurde
das Fenster 1868 im Königlichen Institut für Glasmalerei in
Berlin-Charlottenburg, eine 1843 unter Friedrich Wilhelm dem IV.
erfolgte Gründung als Muster- und Lehranstalt zur Erneuerung und
Wiederbelebung der Kunst der Glasmalerei in Preußen – eine Art
halbstaatliche Einrichtung, die seinerzeit unter der Leitung
eines Militärs stand, dem General der Infanterie a.D. Eduard
Vogel von Falckenstein. Glasmalereien wurden dort – das sein nur
am Rande bemerkt – auf Befehl hergestellt, worüber sich
entwerfende Künstler dieser Zeit mitunter bitter beklagten.
Die übrigen 4
Fenster des Hallenumgangschors, die das Chorscheitelfenster
beidseitig rahmen, stehen ebenfalls unter dem inhaltlichen
Gedanken der Heilsgeschichte, jetzt aber nach dem
Christusereignis. Geschaffen hat sie der Berliner Glasmaler
Louis Müller.
Die figürlichen
Kompositionen in diesen Fenstern sind denen der Apolselstatuen
am Grab des Hl. Sebaldus von Peter Vischer in der Sebalduskirche
zu Nürnberg entlehnt. Sie zeigen die 12 Apostel, wobei Matthäus
und Paulus in ihnen nochmals vorkommen: Zuerst als
Assistenzfiguren im Mittelfenster und nun als
Einzeldarstellungen in den seitlichen Chorfenstern, was ihre
Bedeutung unterstreicht.
Die Anwesenheit
der zwölf Apostel hier im Kirchenraum ist ebenfalls von tiefer
symbolischer Bedeutung. Sie stehen für die heilsgeschichtliche
Kontinuität der Ausbreitung des Evangeliums bis in die
Gegenwart, zugleich um-stehen sie als Wächter das
Christus–Heiligtum, das diese Kirche – insonderheit ihr
Altarraum – in der Gedankenwelt ihres Architekten ist.
Wie wichtig Stüler
der heilsgeschichtliche Bezug im Kontext seiner Kirchenräume
war, belegt nicht zuletzt auch die Kanzel, insbesondere der
hiesige Kanzelkorb. In dessen Brüstungsfeldern, die kleinen
Fenstern gleichen, schreibt der Architekt die Heilsgeschichte
des Glaubens bis in die Neuzeit fort.
Zu sehen sind auch
hier wieder „Wächter des Glaubens“ oder auch „Apostel der
Neuzeit“, von der Mitte aus gelesen: Martin Luther, Philipp
Melanchthon und Johannes Bugenhagen sowie – jeweils ganz außen –
Otto von Bamberg und der Liederdichter Paul Gerhard.
Zwei von ihnen
stehen wiederum ganz für Pommern, zu dem Altentreptow und diese
Kirche gehört: Otto von Bamberg, der Pommernmissionar und
Johannes Bugenhagen, Verfasser der ersten pommerschen
Kirchenordnung nach der Reformation.
Und so gehört
schließlich auch ein großes neunfeldriges pommersches Wappen und
das Wappen der Stadt Altentreptow – einst Treptow an der
Tollense – ganz selbstverständlich zur heilsgeschichtlichen
Botschaft des „hier und heute“ in den Fenstern von St. Petri zu
Altentreptow, womit sich auch der dritte Kreis von Moses am Berg
Sinai bis nach Altentreptow in Pommern schließt.
Reinhard Kuhl, Kartlow
Verwendete bzw. weiterführende Literatur:
BÖRSCH-SUPAN, EVA / MÜLLER-STÜLER, DIETRICH: Friedrich August
Stüler (1800-1865)
Herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Berlin-München 1997,
S. 154 f., zu Altentreptow S. 502-503
BUSKE, THOMAS: Bewahrer und Visionär. Friedrich August Stüler
und die kirchliche Denkmalpflege im 19. Jahrhundert. In: EHLER,
MELANIE / MÜLLER, MATTHIAS (Hg.), Schinkel und seine Schüler.
Auf den Spuren großer Architekten in Mecklenburg und Pommern.
Schwerin 2004, S. 73-84
BUSKE, THOMAS: Kirchliche Denkmalpflege im 19. Jahrhundert.
Friedrich August Stüler
Hefte des Evangelischen Kirchenbauvereins zu Berlin, Nr. 3.
Berlin o.J.
KUHL, REINHARD: Glasmalereien des 19. Jahrhunderts.
Mecklenburg-Vorpommern. Die Kirchen. Leipzig 2001, S. 24-26