Zustandsbericht vor
der Sanierung 2005- 2010
In
den Fenstern des Hallenumgangschors der St. Petrikirche zu
Altentreptow befindet sich der umfangreichste Glasmalereizyklus
des 19. Jahrhunderts in Vorpommern. Dieser Bestand ist – bedingt
durch den Mangel an restauratorischen Möglichkeiten in der Zeit
des Sozialismus und das Fehlen jeglichen Außenschutzes – stark
in Mitleidenschaft gezogen und befindet sich gegenwärtig im
Zustand eines akuten Verfalls. Dem Glasmalereizyklus von St. Petri
zu Altentreptow ist im Kontext der Stüler’schen
Innenraumkonzeption eine herausragende Bedeutung von nationaler
Wertigkeit beizumessen. Sowohl im Hinblick auf dessen Erhaltung,
als auch hinsichtlich des Schutzes der qualitätvollen
Innenausstattung durch intakte Fensterverschlüsse besteht ein
dringender Handlungsbedarf.
.
St.
Petrikirche zu Altentreptow, Inneres nach Osten mit vollständig
erhaltenem Chorscheitelfenster, Zustand vor 1975
Als
ein erster Schritt zur Erhaltung des Zyklus wurde – unter dem
Gesichtspunkt der Dringlichkeit – vom Unterzeichnenden ein Maßnahmenvorschlag
zur Sicherung der fünf Polygonfenster erarbeitet. Dieser sieht
den Ausbau und die Sicherstellung der originalen Verglasungsreste
des Fensters im Chorscheitel (I) vor. Die betreffende Fensteröffnung
wird vorübergehend lediglich durch die künftige Außenschutzverglasung
geschlossen werden. Die Restaurierung und Montage der Originale
ist für einen späteren Zeitpunkt beabsichtigt.
Die
vier Fenster an den Chorseiten (nII und nIII sowie sII und sIII)
sollen im Zuge dieser Maßnahme in situ konserviert und in
ihren schadhaften Teilen ergänzt sowie durch einen Außenschutz
aus feinmaschigen Edelstahlnetzen gesichert werden. Die
Gesamtkosten für eine erste Sicherung der fünf Polygonfenster
belaufen sich auf ca. 128 000,00 €, zu deren Aufbringung die
Kirchengemeinde dringend auf Hilfe angewiesen ist.
Baugeschichte:
Die
ev. Stadtpfarrkirche St. Petri zu Altentreptow ist eine stattliche
Backstein-Hallenkirche mit polygonal geschlossenem Umgangschor und
mächtigem quadratischem Westturm. Aus dem 14. Jh. das vierjochige
Hallenschiff mit getreppten Strebepfeilern und schmalen
spitzbogigen Fenstern. Im 15. Jh. Erweiterung der ursprünglich
gerade geschlossenen Halle durch einen zweijochigen
Hallenumgangschor mit 5/8 Polygon und drei zweigeschossigen, zum
Chorseitenschiff geöffneten Kapellenanbauten an der Südseite.
Durchgreifende
Instandsetzung 1865 nach Entwurf des preußischen
Ministerialbaurates Friedrich August Stüler (1800-1865), dabei u.
a. Erneuerung der Kapellenanbauten auf der Südseite, der
Fenstermaßwerke und von Teilen der Ausstattung. Aus dieser Zeit
datiert auch der umfangreiche, heute noch über zehn Fenster
umfassende Glasmalereizyklus des Hallen-umgangschors.
Zur
Glasmalerei:
Fenster
im Chorscheitel (I): 1861 bat die evangelische Kirchengemeinde
St. Petri zu Treptow a. d. Tollense König Wilhelm I. um die
Stiftung eines gemalten Chorfensters. Dieser beauftragte Friedrich
August Stüler mit einem Entwurf, von dessen Hand allerdings nur
die Vorgaben zur Rahmenarchitektur anzunehmen sind.
Die
Kartons zu den figürlichen Darstellungen stammen von dem
Historienmaler und Karton- zeichner Alexander Teschner
(1816-1878). Die Ausführung des Fensters wurde im 1843 von
Friedrich Wilhelm IV. begründeten Königlichen Institut für
Glasmalerei Berlin-Charlottenburg vorgenommen.
Die
Fenster an den Chorseiten nII, nIII, sII und sIII, für die wohl
ebenfalls von einer Mitwirkung Stülers auszugehen ist, wurden von
dem damals gleichfalls in Berlin ansässigen Glasmaler Louis Müller
geschaffen. Die Fenster sind hinsichtlich ihrer Gliederung aus
jeweils drei spitzbogig schließenden Bahnen mit geöffneten
Zwickeln aufgeführt; beim Chorfenster I ist die mittlere Bahn in
doppelter Breite angelegt und mit einem zusätzlichen Rundfenster
innerhalb der über den schmaleren Seitenbahnen liegenden Zwickel
versehen.

St.
Petrikirche zu Altentreptow, Chorschelitelfenster, Zustand 2001
Das
Chorscheitelfenster stellt in seiner fünften und sechsten
Fensterzeile die Bestimmung des Apostels Petrus zum irdischen
Nachfolger Christi durch die Übergabe des mosaischen Gesetzes
(’traditio legis’) szenisch dar. Die im Neuen Testament, im
Unterschied zur Schlüsselübergabe, nicht erwähnte Szene begründet
später die Legitimität des Petrus als dem ersten Bischof von
Rom. Die Darstellung, die in Anlehnung an urchristliche Überlieferungen
auf die Abbildung der Gesetzesrolle verzichtet, zeigt einen
nimbierten Christus vor den Petrus ehrerbietig hintritt. Die
zentral im Fenster und in der Hauptachse des Kirchenschiffes
angeordnete Bildszene wird durch den Apostel Paulus und den
Evangelisten Matthäus als Assistenzfiguren flankiert, die jeweils
inschriftlich mit einer Banderole innerhalb des Sockels bezeichnet
sind: SANCTUS MATHAEUS / SANCTUS PAULUS. Vom
originalen Bestand ist weiterhin im Feld 9b ein kreuznimbierter
Christuskopf in einer Vierpassform und die beiden
Architekturfelder 8a und 8c erhalten, die restliche Fensterfläche
wurde um 1975 mit einer geometrischen Farbverglasung geschlossen.
Eine
ähnlich aufgebaute Bildszene aus dem Königlichen Institut für
Glasmalerei, die mit der Berufung des Apostels Bartholomäus
ebenfalls ein Ereignis aus dem Leben des Namens- patrons einer
Kirche zum Gegenstand der Darstellung macht, befindet sich im
Chorscheitel- fenster der St. Bartholomäuskirche zu Demmin.
Die
vier Fenster an den Chorseiten (nII und nIII sowie sII und sIII)
gliedern sich in zwei Fensterzonen über einer Architekturzeile.
Die unteren Fensterzonen enthalten bahnenweise reich geschmückte
Maßwerkbaldachine über variierten Grisaille-Teppichmustern, die
oberen Fensterzonen sind, jeweils unter Wimpergarchitekturen, den
Standbildern der elf Jünger und des Apostel Paulus vorbehalten.
Die
Dargestellten sind jeweils gänzlich en grisaille abgebildet und
mit beigegebenen Sockelinschriften namentlich bezeichnet;
hinsichtlich ihrer figürlichen Komposition folgen sie den von
Peter Vischer (1455–1529) geschaffenen Apostelstatuen für das
Grabmal des Hl. Sebaldus in der Sebalduskirche zu Nürnberg.

Fenster nII, 7a-c: St. Thomas / St. Bartholomaeus / St.
Thaddeus,

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Vergößern anklicken!
Fenster nIII, 7a-c: St. Andreas / St. Jacobus mai. / St.
Phillipus,

Fenster sII, 7a-c: St. Johannes / St. Jacobus min. / St.
Mathaeus

Fenster sIII, 7a-c: St. Simon / St. Paulus / St. Matthias.
Im
Fenster nII, Feld 1b, ist zusätzlich das Wappen der Stadt Treptow
an der Tollense (Altentreptow) angebracht, im Fenster sII,
ebenfalls das Feld 1b einnehmend, eine sehr schöne Variante des
pommerschen Wappens unter dem Herzogshut des Herzogtums Stettin.
Die
nur ab der fünften Fensterzeile erhaltenen Fenster des nördlichen
Hallenumgangschors (nIV bis nVI) bilden die Fortsetzung des
mit den Chorfenstern angezeigten Bildprogramms. Sie bieten mit den
großen Propheten, weiteren Einzelgestalten des Alten Testaments
und Johannes d. T. königliche und heilsgeschichtliche Vorläufer
Christi dar. Ihre bildliche Umsetztung ist ebenfalls gänzlich en
grisaille vorgenommen.
Fenster
nVI, 5a-c: In der Mitte Moses mit einer der Gesetzestafeln, rechts
König David, links König Salomo.
Fenster
nV, 5a-c: Die Propheten Ezechiel, Jeremia und Jesaja. Fenster nIV,
5a-c: Micha, Daniel und Johannes der Täufer. Das
Hintergrundmuster wird von Fenster zu geringfügig variiert. In
den Zwickeln farbige Blütenmotive umgeben von Blatt- oder
Rankenwerk, davon eine besonders schöne Variante im Fenster nVI.
Drei
weitere, ebenfalls dreibahnige Glasmalereifenster (sIV-sVI)
befinden sich im Obergeschoss der von Stüler geschaffenen
Kapellenanbauten auf der Südseite, der sog. Kaufmannsempore. Sie
dienen in der Hauptsache einer gleichmäßig gedämpften Lichtführung
in Chorraum.
Das
Fenster sIV zeigt ein Teppichmuster bahnenweise übereinander
angeordneter Vierpassformen um innere Vierblätter als
Grisaillemalerei auf relativ großen, mattierten Gläsern. Die
drei Fensterbahnen sind von umlaufenden Blatt-Blüten-Bordüren
umschlossen, in den Zwickeln befinden sich sternförmig
angeordnete Schneußformen.
Im
Fenster sV wird das Grisailleornament durch bahnenweise axial
angeordnetes Weinlaub und Reben gebildet. Die Bordüre enthält
rautenförmige gelbe Blätter auf rotem Grund.
In
das Feld 2b ist ein älteres, wahrscheinlich barockes Wappen des
Herzogtums Braunschweig-Lüneburg eingearbeitet. Es trägt den
pommerschen Greifenschild auf seiner Herzstelle, darunter eine
mehrzeilige Inschriftenbanderole: V:G:G: SOPHIE [HED]WICH
GEBORN FRÄULEIN ZU BRUNSWICH U: LÜNEBURG HERZOGIN ZU STETTIN
POMERN. Die Zwickel füllen Dreipassrosetten.
Im
Fenster sVI wird das Grisailleormanent zu einem Rautenmuster mit
eingeschriebenen Vierblättern variiert. In den Zwickeln Maßwerkformen.
Der
überwiegende Teil des Glasmalereibestandes von St. Petri zu
Altentreptow, dem im Kontext der Stüler’schen
Innenraumkonzeption eine herausragende Bedeutung von nationaler
Wertigkeit beikommt, ist durch ein zusehends verfallendes
Bleinetz, bereits eingetretene großflächige Verluste der
Glasmalerei und das Fehlen jeglichen Außenschutzes in seiner
Substanz akut gefährdet. Zur Sicherung dieses wichtigen
Glasmalereizyklus’ besteht ein dringender Handlungsbedarf.
Geplante
Maßnahmen:
Für
das Chorscheitelfenster (I) ist neben der Wiederherstellung
bzw. Restaurierung der originalen Glasmalerei deren Sicherung
durch eine isothermale Schutzverglasung aus Verbundsicherheitsglas
entsprechend den Modellentwicklungen der Arbeitsstelle für
Glasmalereiforschung des CVMA in Potsdam beabsichtigt.
Die
noch in situ erhaltenen Teile der Glasmalerei mit der Berufung
Petri, den Assistenz- figuren und Teilen der Maßwerkverglasung
werden restauratorisch und konservatorisch bearbeitet und für die
Montage hinter der künftigen Außenschutzverglasung vorbereitet.
Die
um 1975 durch eine einfache geometrische Farbverglasung
geschlossenen Partien können zum überwiegenden Teil durch die
Rekonstruktion aus originalen, z.Zt. deponierten und bereits durch
eine Vordokumentation erfassten Verglasungsresten
wiederhergestellt werden. Dies betrifft zunächst den gesamten
Bereich der Sockelzone unterhalb der szenischen Darstellung mit
einem ornamentalen Teppichmuster.
Die
vollständig fehlenden Teile des Fensters (Architekturbaldachine
und Maßwerkbe- krönungen) lassen sich anhand einer historischen
Photographie, die bei der Kirchengemeinde aufbewahrt wird, neu
entwerfen und in Glasmalerei umsetzen.
Chorseitenfenster
nII und nIII bzw. sII und sIII:
Die
vier Fenster der Chorseiten mit ganzfigurigen Aposteldarstellungen
sollen zunächst durch möglichst substanzschonende, zum überwiegenden
Teil in situ vorzunehmende restauratorische und konservatorische
Maßnahmen in ihrem Bestand gesichert und wiederhergestellt
werden. Lediglich die stark beschädigten Glasmalereifelder werden
einer werkstattmäßigen Bearbeitung unterzogen. Die funktionstüchtige
Elemente der Befestigungstechnik (Deckschienen und Splinte) werden
mittels einer geeigneten Farbbeschichtung konserviert, stark
korrodierte Teile werden in farblich dem Bestand angeglichenen
V4A-Edelstahlmaterial ersetzt. Gleiches gilt für die Armierung
der Bleifelder mit der erforderlichen Anzahl an Windeisen.
Als
Außenschutz dieser vier Fenster ist eine Anbringung von
Schutzgittern beabsichtigt, die jeweils in die Fensterbahnen
eingepasst und in allen Komponenten aus V4A-Edelstahlmaterial
gefertigt werden. Die erforderliche Befestigungstechnik wird dabei
so gestaltet werden, dass sie reversibel, d.h. leicht rückbaubar
ist und möglichst nicht das Ziegelmaterial des Stabwerks
angreift.
Alle
Maßnahmen an den Fenstern nII, nIII, sII und sIII sollten die
Option berücksichtigen, diese Fenster gegebenenfalls zu einem späteren
Zeitpunkt – so wie das Chorscheitelfenster – mit Außenschutzverglasungen
zu versehen.
Reinhard
Kuhl
freiberufl. Restaurator (VDR)
Zur Schwedenschanze 19b
17498 Potthagen