5. Der Altar und das Chorgestühl
Der spätgotische Schnitzaltar ist aus dem gesamten Inventar der
Kirche das berühmteste Stück. Er wurde aus Holz gefertigt und besteht
aus einem Mittelschrein und je zwei Seitenflügeln an jeder Seite. Der
geöffnete Schrein war ursprünglich nach dem liturgischen Gebrauch im
Kirchenjahr nur an den hohen christlichen Festzeiten zu sehen:
Epiphanias, Ostern, Pfingsten und Weihnachten. In der übrigen Zeit war
er einfach geschlossen, in der Karwoche völlig.
In
der Mitte des Schreins sehen wir
Christus
und Maria als das erhöhte Königspaar, beide in den
Farben rot, blau und gold. Rot und blau sind die Farben für Erde und
Himmel, gold ist Ausdruck des Erfolges und Sieges. Schon hier kommt zum
Ausdruck, was die Gestaltung der Flügel und die der Predella noch
unterstreichen werden: Der erhöhte Herr, Jesus Christus, herrscht über
Himmel und Erde. Seine linke Hand ruht auf einer Kugel: der Erde.
Die Zuordnung Marias zu ihm (Größe und Kronen gleich) geht auf die
Verehrung Marias als heilige Gottesmutter zurück. Der Altar ist älter
als die Reformation.
Unter
dem erhöhten Königspaar in der Mitte des Schreins ist Christus als der
Weltrichter
dargestellt, der seine Hände segnend über die Gemeinde hält,
in seinen Händen sind die Wundmale sichtbar, zu seinen beiden Seiten:
Maria und Johannes, als Fürsprecher für uns, die wir einst vor ihm
offenbar werden sollen.
Rechts und links des Schreins sind insgesamt
40
Figuren angeordnet. Darunter sind einige der Apostel und Jünger
Jesu, Bischöfe, Märtyrer und Märtyrerinnen der ersten
nachchristlichen Jahrhunderte bis hin zum jüngsten aus diesem Ensemble:
dem Bischof Vincentius (oben rechts neben Christus). Bild 7 Er lebte zur
Zeit des Gegenpapsttums im 14./15. Jahrhundert und starb im Jahre 1419.
Hier ist ein unterer Entstehungszeitpunkt für den Altar benannt; bis zu
seiner Heiligsprechung verging einige Zeit, die Reformation ist ein
oberer Eckwert, so dass mit Recht von der 2. Hälfte des 15.
Jahrhunderts als Entstehungszeit auszugehen ist.
Der Rahmen dieser Darstellung erlaubt eine gründliche Betrachtung
der einzelnen Figuren nicht.
In der Predella ist in der Mitte die
Kreuzigung
zu sehen und zu beiden Seiten je drei Darstellungen der Passion. Aus Größe
und Zuordnung von Schrein (Herrlichkeit Gottes) und Seitenflügeln
(himmlischer Chor) und Predella (Leiden Gottes) ist die theologische
Aussage abzuleiten, die der Altar zum Ausdruck bringt: Der Apostel
Paulus schreibt im Römerbrief im 8. Kapitel: „Denn ich halte dafür,
dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit in keinem Verhältnis stehen zu
der künftigen Herrlichkeit, die sich an uns offenbaren wird."
(Röm.
8,18)
Dieser Satz des Paulus könnte wie eine Überschrift für den Altar
gelten.
Die Innenseiten der Altarflügel enthalten 16 gemalte Darstellungen
mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Dazu kommen 8 Bildnisse
alttestamentlicher Propheten.
In Gesamtausdruck und Machart zeigt der Flügelaltar nahe
Verwandtschaft zu dem des Güstrower Domes. Und in der Tat könnten
beide aus derselben Werkstatt stammen, darüber jedoch ist wenig
bekannt.

Das
Chorgestühl im Altarraum ist ebenso wie der Flügelaltar in der 2. Hälfte
des 15. Jahrhunderts entstanden. Die Perforationen der Rückwände sind
an jedem Platz verschieden, ihre Motive sehr reichhaltig.
An den Seitenwänden finden sich biblische (Weinstock und Reben),
politische (pommerscher Greif) wie klerikale (Bischof) Motive. Dieses
Gestühl war damals den Ratsherren der Stadt als herausgehobener Platz
(im Altarraum!) vorbehalten. Die Sitzflächen waren hochgeklappt, auf
den großzügigen Armlehnen konnten sie sich stehend mit den Ellenbogen
aufstützen. Die Menschen im Kirchenschiff standen! Wenn auch das Aufstützen
nicht mehr recht helfen wollte oder die Schmerzen in den Armen unerträglich
waren, wurden die Sitzflächen heruntergeklappt und die Herrschaften
konnten Platz nehmen - Misericordias domini, die
Barmherzigkeit Gottes wurde so für manchen Ratsherren anschaulich.